Baukunst Galerie



Bild:

Eduardo Chillida
Lurra G128, 1989
Terrakotta
19,5 x 30,5 x 22 cm
monogrammiert


Anlässlich des zehnjährigen Todestages Eduardo Chillidas (geb. 1924 in San Sebastián) widmet die Baukunst Galerie dem bedeutenden baskischen Bildhauer, Zeichner und Architekten die vierte große Einzelaustellung. Sie findet in Kooperation mit dem Museo Chillida-Leku in Hernani statt. Prof. Dr. Friedhelm Mennekes hält am 26. Januar die Einführung in das Œuvre des Künstlers. Parallel dazu zeigt das Picasso-Museum Münster ab dem 28. Januar 2012 eine Retrospektive, die einen weiteren, umfassenden Einblick in das Lebenswerk Eduardo Chillidas vermittelt.
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt neben einer Auswahl von Terrakottaskulpturen, den „Lurras“ (baskisch: Erde), auf Zeichnungen und Collagen aus verschiedenen Jahrzehnten sowie einigen großformatigen graphischen Arbeiten aus den 80er Jahren.

In allen Arbeiten des Künstlers steht das Interesse an Raum, Volumen, Form und Materialität im Fokus. Die Thematik der Fläche als Platz, die Architektur der Gebäude, aber auch das historische und kulturelle Bewusstsein einer Stadt oder Region haben Eduardo Chillida zu einem der ersten ortspezifisch arbeitenden Bildhauer werden lassen. Unter vielen Beispielen lassen sich die den Naturgewalten von Meer und Wind ausgesetzten Windkämme (1977) in der Bucht von San Sebastián und die anlässlich der deutschen Wiedervereinigung vor dem Bundeskanzleramt aufgestellte monumentale Eisenskulptur nennen.

Der Künstler zeichnet mit dem Bleistift und mit chinesischer Tusche, die er seit den späten 40er Jahren zunächst als feine Linie mit der Feder zieht, bis er nach Ablauf eines Jahrzehnts auch den Pinsel einsetzt, und die Linie sich somit zur Fläche ausbreitet. Chillida sieht das Zeichenpapier als einen undefinierten Raum, den es durch die Zeichnung zu definieren gilt. Sein Thema ist anfänglich der Akt, der durch die Hand (1949-1974) abgelöst wird. Die schattenlose, figurative Darstellung wird nur durch die Linie definiert, die ihr dennoch Volumen und Raumwirkung gibt. Die Aktzeichnung wird nicht vor dem Modell gefertigt; Chillida führt eine durchgehende, sehr zarte Linie, mit der die Grundelemente des menschlichen Körpers untersucht werden, und dessen skulpturale Ausprägung und Interaktion mit dem leeren Raum immer wieder herausgearbeitet wird. Die selten durchbrochene Linie, die seine Akte umreißt, wird bei den Händen häufig unterbrochen und löst sich sogar stellenweise in Schraffuren und einzelne Punkte auf. Die Hand taucht aus dem leeren Raum des Papierbogens ohne anatomischen Zusammenhang auf. Das räumliche Phänomen der Bewegung der Finger und die Faszination für die sich je nach Position der Hand verändernden Hautfalten stehen im Fokus des künstlerischen Interesses. Man könnte sagen, dass Chillida eine Analyse des Raumes betreibt, bei der die Hohlräume und die Zwischenräume, aber auch die Linie untersucht werden. Die figurative Darstellung der Hand, die Haltung ihrer Finger, wird immer freier und fragmentarischer. Der Künstler beschneidet zudem die Kanten des Papierbogens und bereitet damit schon die Collage vor.

Parallel zu der Auseinandersetzung mit der Hand vollzieht sich auch im Werk von Chillida in der Zeit des Informel und des Abstrakten Expressionismus eine Demontage der Form, die in der Zeichnung mehr als in der Skulptur zutage tritt. Zuvor haben körperhafte Motive wie der Akt und die Hand den Raum definiert, jetzt ist die Zeichnung ganz abstrakt und Linienfragmente stellen neue Fragen an den Raum. Ende der fünfziger Jahre wandelt sich sein Stil sowohl in der Skulptur als auch in den Papierarbeiten: Die Komposition wird kompakter, kubischer und geschlossener. Dabei kommt in der Zeichnung der Pinsel immer mehr zum Tragen und die Linien entwickeln sich bis hin zur schwarzen Fläche, die den Raum in Positiv und Negativ, in Fläche und Raum aufspaltet.

Nicht nur durch den Schwarz-Weiß-Kontrast, sondern auch durch die Entwicklung der Collagetechnik wird dieser skulpturale wie architektonische Ansatz weiter entwickelt. Geometrische Formen, die fast nie einen rechten Winkel aufweisen, werden aus einfachen, bräunlichen Papieren ausgeschnitten und übereinander geklebt. Bei den in den späten achtziger Jahren entwickelten „Gravitationen“ verzichtet Chillida auf Leim, um Papiere übereinander zu montieren, er hängt mehrere Lagen handgeschöpften Papiers an zwei Kordeln übereinander auf. Neben den zentralen Fragen nach Positiv und Negativ wird der Zwischenraum thematisiert, der teilweise sichtbar wird, indem aus den verschiedenen Lagen Formen ausgeschnitten werden. Besonders wichtig wird hier aber die Frage nach dem Gewicht bzw. der Leichtigkeit der Materie.

1977-1981 entstehen etwa 500 Skulpturen aus schamottierter Tonerde, die sogenannten „Lurras“. In der Werkstatt von Hans Spinner entdeckt Chillida diesen ursprünglichen Werkstoff neu, er modelliert nicht, vielmehr bleibt der Tonblock als Form erhalten und wird nach zeitaufwendiger Vorbereitung im Holzofen gebrannt. Länge und Temperatur des Brennvorganges verleihen den kompakten, relativ kleinen Arbeiten ihre unterschiedliche Farbe. Chillida geht hier intuitiv vor, seine Entscheidungen fällt er bei der Bearbeitung. Der Block wird rundherum von Einkerbungen und Schnitten durchzogen, die ihn in einzelne Teile zu zerlegen scheinen. Bisweilen schneidet er Einzelformen ganz heraus. Diese Unikate erlauben es dem Betrachter in ihrer Mehransichtigkeit kaum, den Körper und seine Interaktion im Raum aus einer Perspektive zu erfassen. Dennoch wirken sie in ihrer Kompaktheit energetisch und in sich verbunden, da die einzelnen Teile aufgrund der Schwerkraft nur scheinbar auseinander zu brechen drohen.

Eduardo Chillidas Œuvre wurde bereits in zahlreichen großen Ausstellungen gewürdigt. 1980 widmete ihm das Guggenheim Museum New York eine Retrospektive. In Deutschland wurde Chillidas Werk 1989 im Kunstmuseum Bonn und im Westfälischen Landesmuseum in Münster, 1993 in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt und 1998 im Kupferstichkabinett in Berlin gezeigt. Das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid und das Guggenheim Museum in Bilbao richteten dem Künstler 1999 aus Anlass seines 75. Geburtstages große Retrospektiven aus. Weltweit besitzen die bedeutendsten Museen und Sammlungen Werke des Künstlers. Chillida erhielt viele internationale Auszeichnungen, in Deutschland u.a. den Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg, den Kaiserring der Stadt Goslar und den Orden „pour le mérite“ für Wissenschaft und Künste der Bundesrepublik Deutschland. Skulpturen Chillidas haben in zahlreichen Städten einen wichtigen Platz im öffentlichen Raum erhalten.





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